Es war die zweite Woche im Oktober, es dunkelte und auf der Straße war es ruhig. Dieses war die Gelegenheit. Ich klinkte die Leine ein, nahm Yasemin auf den Arm und trug sie auf die Straße. Schritt für Schritt gingen wir mit ihr ca. 20 Meter, dann erhielt sie Leckerchen und wurde beschmust. Der ganze Hund zitterte. So standen wir einige Minuten, dann ging es zurück zum Haus. Wiederholung war für den kommenden Tag angesetzt. Und siehe da, Yasemin folgte uns Schritt für Schritt, immer Leckerchen vor der Nase, und wir umrundeten unser Wohnviertel. Yasemin lernte fremde Gerüche kennen und wurde bei jedem Schritt mutiger. Von nun an waren die täglichen Fortschritte enorm, und jedesmal wurde der Familie Koopmann telefonisch davon berichtet.
Yasemin lernte das Leben kennen, Auto fahren, Restaurantbesuche, und man merkte ihr an, wie sie alles in sich aufnahm und das genoss, was sie bisher vermissen musste.
Im Dezember fuhren wir gemeinsam an die Küste nach Belgien, ein Lieblingsort unserer Schary. Wie würde Yasemin reagieren? Hatte sie auch die Freude am Herumtollen im Sand? Und sie hatte! Nun versuchte ich ein neues Experiment. Wie würde sich Yasemin ohne Leine verhalten? In einem Bereich, wo sie nicht weit fort konnte, klinkte ich die Leine aus. Sie rannte los, Runde um Runde um mich herum, schnell ein paar Löcher gebuddelt, dann wieder gelaufen. Was für eine Freude - das konnte nicht die Yasemin sein, die wir im August kennen gelernt hatten! Als ich sie rief, kam sie zu mir, als ob sie es nie anders gelernt hätte. Ja, Yasemin hatte mich als Teil ihrer Familie akzeptiert.
Mit Schary hatte ich eine große Leidenschaft gemeinsam - das Joggen im Wald. Nun versuchte ich auch einmal einen Waldlauf mit Yasemin. Sie war begeistert bei der Sache, und so begann unsere Zeit der fast täglichen Joggingrunden. Schon wenn ich mir die Sportschuhe anzog, stand sie in wartender Position und verdeutlichte durch Laute, dass ich sie nicht vergessen durfte.
Uns stand aber noch eine schlimme Sache bevor: Yasemins Hüfte. Wir wussten, dass wir das Problem direkt im neuen Jahr angehen mussten. Bereits im November hatten wir begonnen, die Schmerzmittel langsam zu reduzieren, ohne dass sich ihr Laufverhalten veränderte. Wir vereinbarten einen Termin in einer Klinik. Hoffnung und Angst begleiteten uns. Wie wird die Diagnose sein? Yasemin war geduldig. Sie wurde untersucht und geröntgt. Dann wurden uns die Aufnahmen der Hüfte und der Hinterläufe erläutert. Ja, auch wir Laien erkannten, dass ein Bruch der rechten Hüfte vorlag. Aber jetzt hatte die Natur ein Wunder vollbracht. Durch ständige Bewegung der Knorpelmasse hatte sich ein künstliches Gelenk geschliffen. Und Yasemin hatte auch ohne Medikamente keine Schmerzen mehr. Was für eine Erleichterung! Nur konnte man uns nicht vorhersagen, ob dies für ihr ganzes, hoffentlich sehr langes Leben so bleibt. Irgendwann könnten Beschwerden auftreten, müssen aber nicht. Dann kann ihr immer noch operative Hilfe zuteil werden, und diese wird sie dann auch erhalten.
Yasemin ist unser großes Glück, und wir sind froh, dass wir sie kennen gelernt haben. Petra und ich freuen uns über jeden gemeinsamen Tag mit ihr. Ein Leben ohne sie ist nicht mehr vorstellbar.
Viele Grüße, Petra und Rüdiger K.