13. April 1999

TIERSCHUTZ - MEHR ALS SCHREIBTISCHTATEN

VOM ENDE EINES ARMEN HUNDES
"Duelo" - so habe ich ihn genannt, diesen um sein Leben Betrogenen, um den nicht viele Menschen trauern werden. Wie sollten sie auch, es hat ihn ja kaum jemand gekannt!
12. April, Mittagszeit. Telefonanruf von Bärbel, in unserem Ort ist ein alter Mann verstorben, sein Hund läßt niemanden an sich heran. Das Ordnungsamt erwartet noch heute eine Lösung, wir müssen uns um den Fall kümmern.
Mein Mann und ich fahren sofort los, ich stecke mir schnell eine Handvoll Futterbrocken in die Tasche. Bei der angegebenen Adresse erwartet uns in der Zuwegung eine ansehnliche Menschenmenge. Wir weisen uns aus, werden von einer Dame des Veterinäramts und den Hinterbliebenen über die Situation informiert. Der erste Blick über den Zaun ist ein Schock:
Mitten in jeder Art von Unrat eine zerlöcherte, verdreckte Hundehütte, davor ein paar Quadratmeter Erde, übersät mit breiigen Kothaufen. Ein etwa 2,5 m langes Tau, an seinem Ende der Hund, noch in seinem Elend wunderschön, den Kopf hochgetragen, und sieht mich unverwandt an. Die Familie redet, redet, ich höre die Geschichte, die unfaßbar erscheint und sich doch an vielen Orten ähnlich abspielt.
Der alte Mann lebte seit vielen Jahren zurückgezogen in seinem Haus, der Hund war sein Beschützer, sein Stolz, scharf, ließ niemanden aufs Grundstück.
Mit der Familie hatte  der Mann sich schon lange entzweit. Nachbarn wußten Bescheid und sahen weg.
Drei Wochen lag der Besitzer im Krankenhaus, ehe er starb. Die "Erben" schoben dem bösen Hund mit einer langen Stange ab und zu Futter in seine Reichweite. - Ich zähle drei verbeulte Töpfe und einen Teller. -
Von den Anwesenden ist niemand bereit, sich dem Hund zu nähern. Ich atme ein paarmal tief durch, öffne das Hoftor. Der Hund steht ganz still, fixiert mich. Langsam bewege ich mich auf ihn zu, rede leise mit ihm. Als ich schon fast sicher bin, daß er mich an sich herankommen läßt, bricht die Hölle los. Ich sehe ein geballtes Bündel Wut auf mich zufliegen, Zähne, Speichel. Mein Blick klebt an dem Tau, wie alt mag es sein, ob es noch hält? Es hält, stoppt den rasenden Hund etwa einen Meter vor mir. Ich ziehe mich etwas zurück, bis er sich beruhigt, versuche es mit einem zugeworfenen Futterbrocken.
Er prüft mißtrauisch, frißt. Die nächsten Brocken nimmt er sofort . Jedem Versuch, sich ihm zu nähern, während er kaut, setzt er unmißverständlich ein tobendes Ende. Ich habe kein Zeitgefühl mehr, sind 30 oder 60 Minuten vergangen? Der peitschende Regen und die Kälte haben die Gaffer längst vertrieben.
Eine Tierärztin trifft ein, berät sich mit der Amtsveterinärin. Die Entscheidung lautet: Euthanasie. Ich bin dankbar für den Regen, in den Tropfen kann ich meine Tränen verstecken. Wir können nichts mehr tun, fahren nach Hause, schweigend, erschüttert - ich gebe in meinen Gedanken dem Hund den Namen "Duelo" .
19.30 Uhr: Ein weiterer Anruf, wir möchten den Kadaver des Hundes abholen und zur Tierklinik   bringen. Ich erfahre den Ablauf des Nachmittags mit den letzten Stunden Duelos.
Nachdem es der Tierärztin mit viel Mühe gelungen war, Duelo das Beruhigungsmittel zu verabreichen, gab sie den Erben den Auftrag, in etwa einer Stunde mit dem dann fest schlafenden Hund in die Praxis zur Euthanasie zu kommen. Die Zeit verstrich und niemand kam. Also machte sich die Tierärztin nochmal auf den Weg, fand den Hund schon in der Aufwachphase, die Erben hatten es nicht gewagt, ihn anzufassen!  So wurde Duelo an Ort und Stelle eingeschläfert, der tote Hund sollte in einen Plastiksack gepackt und zur Entsorgung in die Klinik gebracht werden. (Sollte man doch denken, daß tote Hunde wirklich nicht mehr beißen!).

Am Abend ist die tapfere Erbenschar verschwunden, und Duelo liegt noch so da, wie er gestorben ist.
Ich habe den Fotoapparat mitgenommen, Duelo hätte sicher nichts dagegen, daß ich die Spuren seines elenden Lebens und Sterbens dokumentiere.        
Wir haben größte Mühe, das Tier von dem mehrfach um seinen Hals geschlungenen Tau zu befreien. Drei Ketten sind teilweise im Hals eingewachsen, ein Stachelwürger ist durch ein Vorhängeschloß mit den anderen Ketten und dem Karabinerhaken des Taus verbunden.
Das Tau ist zu kurz, um den Hund auf eine saubere Stelle zu ziehen, so waten wir schon ziemlich abge-stumpft in den unzähligen Kothaufen herum. Diese "Arbeit" hat uns beide sehr mitgenommen, nicht deshalb, weil wir uns Hände und Füße schmutzig gemacht haben.
Beschmutzt ist das, was uns als Menschen auszeichnen sollte: Fürsorge und Verantwortung für die Wesen, die von uns abhängig sind.

M. K.